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Erinnerungen einer Fehntjerin

Das Tagebuch


Darstellung von Ludwig Kittel (1921)
Darstellung von Ludwig Kittel (1921)

Dor denkt man ja all lang över nao, ick ook, amenn kann ick toeminsten för mi doröver watt finnen. Ick fraog mi, wo Tacitus dorup komen is, dat mutt hum doch well vetellt hebben, hä sülst is doch noit in Oostfräsland west.

Wo is mi dat gaohn?  Gaff dat än plattdütsch Lied, wat  in Schoel sungen wur? Wo was dat in dä Familien? Wiehnachten wur sungen, man dornao was dat woll nich mehr völ. Hett hä doch recht, dä oll Tacitus?  Mit well hett hä vergleken, hä mutt dat doch ook anners beleevt hebben…

Un ditt anner kunnen wi beleben, wenn wi dusend Kilometer nao Süden fuhren . Wi wüssen uns Wunner k

ien Enn, wat uns dor överkwam. Överall wur sungen, in Hus, in Wirtschaft, Mannlü sungen värstimmig, elker lötje Dörp har än ägen Gesangverein, elkunän kunn Lieder utwennig, un nich toe minn,  mit all Strophen...dat was än Vermaok antoehören. Ick wät nich, off datt in Italien ook so was, man Tacitus har amenn hier än Tiet verbrocht un dat Singen kennenleert. Dor brukde hä nich soeken, dor kwamm hum alls toemoet.

Wenn man dat mit Fräsland, sien Frisia, verglieken dee, full dat int Nörden man maoger ut.

Mäände Tacitus dat?

Mutt wi hum recht geben?

Ick will versoeken, än paor Lieder toe finden, dä in Frisia sungen wurden, dä echte Volslieder sünd un nich van bekannte Dichters schreben wurden.

 

Dat ollste Lied wur um 1600 upschreven, man dat kennt bold nüms mehr, is än Danzlied. Bi dä Auerker Danzkoppel kann man dat noch hören un sähn.

 

„Buske di Remmer, di lose Moon, de friede sein Wuf woll sogen Jere.

Un as die segen Jere ume weren, noch friede hie“.  Dat Lied hett acht Strophen.

 

Dat mutt woll noit up platt sungen west wesen, dit is woll frääsk, wat man amenn int Saoterland versteiht.

 

Ick hebb hör nich nao dä Schoelen henbrocht (Ballade van 1579, ut Westfalen)

Dor wassen twä Königskinner

Trina, koom maol vör dä Doer

Gaoh van mi

Wenn hier än Pott mit Bohnen steiht

Van Maiborg nao Nortmoer

Jan, koom, kiddel mi

Ick un mien Lisbeth

Lütt Anna Susanna

Burlala

Jan Hinnerk wohnt up dä Lammerstraot

Kiekebusch

O Danneboom

Dat du mien Lävste büst

O sore Winter

Kenn ji all dat näje Lied“

 

Dat sünd paor Lieder, dä mi nett so in Kopp komen, un än off anner kennt dä ook, man worden dä ook sungen? Dor staohnt ook noch än büllt annern in Liederboeken, un dorvan gifft dat än häl Rieg.

Weglaoten hebb ick dä Lieder, van dä man wät, well dä dicht hett. Denkt man bloot an Klaus Groth

 

dä wunnerbaore Gedichten schreben hett, un dorvan worden änige ook sungen.

Än paor dorvan kann man in mien Blog finden.

Dat Ostfräsen-un dat Noordsäwellenlied hören dor ook noch toe.

 

Ick bünn nu bloot van mi utgaohn, van Beruf her kenn ick Hunderte van Liedgoed, man fragt man junge Lü, off sä drä dütsche Lieder upnoehmen köhnen, denn sücht dat man trurig ut, un bi Platt kummt dor nix. Freien kunn ick mi, wenn dä än off anner mi tegenproten kunn, ick wull geern, wenn dat anners was.

 

Nu kummt weer dä Fraog, watt Tacitus woll mähnt hett, „Frisia non cantat“?  Friesland singt nicht?

Off könen wi tegenhollen : „Friesland kann datt?“  Hä sall nich maol in Frisia west hebben. un upschreben kann man dat ook nich finnen.

Worvan will hä dat denn wäten? Well hett dat up Padd brocht?

 

Wat män ji?

 
 
 

Aktualisiert: 16. Juni

Wat mien Familie vertellt:


Hier sücht man dä Biller van dä letzte vär Generationen van mien Papas Siet.

 


In disse Schier-Rieg is noch toe sähn, wo dat was mit dä Naomen in Ostfräsland. 

As dä Familjennaom Schier upkeem, is dä oll Manär, dä Kinner toe benoemen, nich upgeben worden. Dä Vörnaom van dä Vaoder wur as Tüschenaom an dä Söhn wiedergeben.

So kann man vandaog noch sähn, wo dä Naomen van Vaoder up Söhn övergaohn sünd.

Dat was vör dä Tied van dä faste Familjenaomen woll  nich anners. Laoter is bloot dä Naom Schier dorachter sett worden, man dä oll Mannär is bleven.

Hier kann man dat moj sähn, – bit hen toe mi.


Harm Janssen

Schier

Geb. 1743

Janssen bedeutet: Sohn des Jan

Geert Harms

Schier

Geb. 1771

Harms verweist auf den Vater

Harm Gerdes Schier

Geb. 1807

Patronym weiterhin in Gebrauch

Gerhard Harms

Schier

Geb. 1837

Der Name Harms wird als Patronym weitergeführt

Harm Gerhards Schier

Geb. 1869

Die alte Tradition lebt fort

Cornelius Arnold

Schier

Geb. 1903

Fester Familienname hat sich durchgesetzt

Elma Cornelia

Schier

Geb. 1930

Der Name Cornelia von der Großmutter väterlicherseits.


Wat ik noch vertellen wull: Cornelius sien ollste Broer heede Gerhard Follrich Schier un kreeg weer dä erste Naom van sien Grootvaoder. Man kann aober al sähn, dat dä Familientradition sük denn al ännert hät, denn egentlik har dä twede Naom van hum "Harms" wesen musst.














 
 
 
  • hillehoek
  • 7. Juni

Aktualisiert: 20. Juni


Meta de Buhr, geborene Schoon (1885–1961), war in Ostrhauderfehn als „Meta van Bült“ bekannt. Sie führte über viele Jahrzehnte einen Bauernhof, zog ihre Familie durch schwere Zeiten und galt als tatkräftige, willensstarke und geschäftstüchtige Frau. Wer die Erinnerungen an sie hört, begegnet einer Persönlichkeit, die anpackte, Verantwortung übernahm und ihrer Zeit in vielem voraus war.






Im Rahmen unserer Familiengeschichten möchten wir auch an Meta de Buhr, geborene Schoon (1885–1961) erinnern, die in Ostrhauderfehn vielen als „Meta van Bült“ bekannt war.

Der Anlass dafür liegt in einer engen Familienverbindung: Margret Best, die Enkelin von Meta de Buhr, und Elma Hoek verbrachten die ersten neun Lebensjahre von Margret weitgehend gemeinsam. Sie waren Cousinen und wuchsen als Töchter der Schwestern Johanne Sinning und Gesine Sinning im selben familiären Umfeld auf.

So gehörten die Erinnerungen an Meta de Buhr von Anfang an auch zu den Geschichten, die in unserer Familie weitererzählt wurden.



Der folgende Bericht stammt von ihrer Enkelin Margret Best, geborene de Buhr:


Erinnerungen an Meta de Buhr


Meine Großmutter Meta de Buhr, geborene Schoon, wurde 1885 in Holterfehn geboren und starb 1961 in Minden bei ihrer Tochter Johanna Blume, geborene de Buhr.

Meta Schoon hatte zusammen mit Wilhelm de Buhr (1884–1955) drei Kinder: Johanna, Johann Volkmar und Wilhelm de Buhr.


Johann Volkmar de Buhr heiratete 1939 Johanne Sinning (1911–1991). Ich, Margret Best, geboren 1941, bin deren Tochter und älteste Enkelin von Meta de Buhr, geborene Schoon.

Sie hatte noch vier weitere Enkel: Wilma und Volkmar Blume (Tochter und Sohn ihrer Tochter Johanna) sowie Willi und Klaus de Buhr (Söhne ihres Sohnes Wilhelm de Buhr).


Mein Vater fiel als U-Boot-Kommandant 1944 im Zweiten Weltkrieg auf See.


Meta Schoon war die älteste Tochter von Johann Schoon (1854–1941) und Trientje Jelden (1857–1903). Sie hatte elf Geschwister, von denen zusammen mit ihr nur fünf das Erwachsenenalter erreichten. Zwei Schwestern starben bereits vor Metas Geburt, drei Brüder später. Von den 1894 geborenen Zwillingen soll einer der Jungen im Kanal ertrunken sein.

Ihre Mutter starb im Alter von 46 Jahren, als Meta 18 Jahre alt war.


Der Vater heiratete erst 1909 erneut, und zwar die ältere Schwester seiner verstorbenen Frau, Folkea Jelden (1851–1936).

Da es nur einen älteren, bereits 20-jährigen Bruder gab, hat Meta vermutlich in der Zeit von 1903 bis 1909 zusammen mit ihrer damals 16-jährigen Schwester Elisabeth Beata – der späteren Tante Setti Weber, verheiratet mit Bernhard Weber – den Haushalt führen müssen. Es waren mehrere jüngere Geschwister zu versorgen. Remmer war beim Tod der Mutter zwölf Jahre alt, Arnold elf, Lambertus acht und Foline sechs Jahre.


Meta und Elisabeth waren sehr unterschiedliche Schwestern – sowohl im Aussehen als auch im Wesen. Meta war robust und zupackend, Elisabeth eher zurückhaltend und empfindsam. Als Frau war sie stets sehr gepflegt und fein gekleidet.


Betrachtet man Metas Lebensgeschichte bis hierhin, kann man davon ausgehen, dass sie keine leichte Kindheit und Jugend gehabt hat.

Meta wollte Lehrerin werden. Da sie jedoch schon früh ihren späteren Mann Wilhelm de Buhr kennenlernte, musste sie diesen Berufswunsch aufgeben. Von ihrem Vater hörte sie den Satz:

„Es geht nur eins – entweder heiraten oder Lehrerin werden.“


Metas Mann Wilhelm de Buhr - mein Großvater - war der jüngste Sohn von Wilhelm Christoph de Buhr (1848–1939) und dessen Ehefrau Janna Catharina Pooker (1848–1922).

Das Ehepaar hatte drei Söhne:


  • Andreas de Buhr (1876–1960)

  • Christoffer de Buhr (1881–1968)

  • Wilhelm de Buhr (1884–1955)


Christoffer war der Vater von Hannchen de Buhr, die lange Zeit auf der Post in Westrhauderfehn arbeitete. Sie heiratete erst relativ spät einen Mann namens Brauer, der Polizist in Ostrhauderfehn war.

Hannchen war eine enge Freundin meiner Tante Rena Sinning, einer Schwester meiner Mutter Johanne Sinning. Sie hatte einen Bruder, der als Jugendlicher auf einen rostigen Nagel trat und später an einer Blutvergiftung starb.


Wilhelm de Buhr übernahm als jüngster Sohn gemeinsam mit seiner Frau Meta den Bauernhof. Sie bekamen drei Kinder.

1910 wurde Johanna geboren,

1912 Johann Volkmar und

1915 Wilhelm.


Meta heiratete Wilhelm de Buhr vermutlich im Jahr 1909 und zog zu ihren Schwiegereltern Wilhelm Christoph de Buhr und Janna Catharina Pooker auf den Bauernhof „Bült“ in Ostrhauderfehn-Untenende.


Der Schwiegervater Wilhelm Christoph de Buhr war ursprünglich – wie schon sein nicht unvermögender Vater – Schiffer mit eigenem Schiff gewesen. Er muss jedoch erhebliche Alkoholprobleme gehabt haben. Nachdem er zweimal infolge dessen sein Schiff verloren hatte, wurde ihm von seinem Vater untersagt, weiterhin zur See zu fahren.

Stattdessen kaufte ihm der Vater den Bauernhof „Bült“.


Das Bauernhaus war ein Gulfhaus. Es war einstöckig mit ausgebautem Dachstuhl und stand wegen der häufigen Überschwemmungen im Herbst und Winter auf einer Anhöhe, die plattdeutsch „Bült“ genannt wurde.

Der benachbarte Bauernhof, ebenfalls ein Gulfhaus, stand auf einer deutlich höheren Anhöhe und wurde deshalb „Barg“ genannt.

Von der Anhöhe, auf der das Bauernhaus meiner Großeltern stand, führte ein Damm an den tiefer gelegenen Wiesen vorbei zum Untenender Weg. Neben diesem Damm verlief zur Entwässerung eine Wieke, die in den Hauptkanal Untenende mündete.

Im Herbst und Winter waren die tiefer gelegenen Wiesen rund um die Bült häufig überschwemmt. Wenn wir im Winter auf den Kanälen Schlittschuh liefen, konnten wir über das Eis dieser Wiesen bis zum Fehntjer Meer gelangen.

Auf beiden Seiten des Damms standen bis hin zum Untenender Weg Obstbäume. Die Anhöhe „Bült“ war so groß, dass sich vor dem Haus eine kleine Ziergartenanlage befand und nördlich des Hauses ein größerer Gemüsegarten angelegt werden konnte.

An der Südseite des Hauses standen zwei mächtige Linden.


Dort, wo die Wieke in den Untenender Kanal mündete, führte der Untenender Weg über eine sogenannte Brücke. Schwere, aber lose Bretter lagen auf zwei Eisenträgern. Unter dieser Brücke hatte meine Großmutter ihre Aalräuse aufgestellt.

Um an die gefangenen Aale zu gelangen, schob sie zwei Bretter beiseite, legte sich bäuchlings auf die so geöffnete Brücke und holte die Aale kopfüber mit den Händen aus der Räuse. Für uns Kinder war das immer ein beeindruckender Anblick.


Das Gulfhaus meiner Großeltern besaß an der Vorderseite zwei Stuben, die sogenannte alte und die neue Stube. Jede hatte zwei Vorderfenster und zwei Seitenfenster.

Nach hinten wurden diese Wohnräume durch einen quer durch das Haus verlaufenden Flur vom Stallbereich getrennt. Dieser Flur wurde plattdeutsch „Gaang“ genannt. An beiden Enden führte jeweils eine Tür nach draußen.

Außerdem gelangte man von diesem Flur durch eine Tür auf die große Diele mit dem Heugulf und den Schweineställen. Am anderen Ende führte ein Durchgang über die Milchkammer in den Kuhstall.


In der alten Stube befand sich ein großer schwarzer, gusseiserner, offener Kamin. Über einem Feuerkorb hing an einer Kette ein großer schwarzer Wasserkessel, der sich an der Vorderseite des Kamins mittels einer Kurbel hoch- und herunterlassen ließ.

Die Asche fiel in eine Grube, die mit mehreren schwarzen Eisenplatten abgedeckt war. Über dem Feuerkorb erhob sich eine große Eisenhaube, die sich nach oben verjüngte und schließlich in den Schornstein überging.

Links und rechts des Feuerkorbes befanden sich jeweils zwei bis zum Boden reichende Flügeltüren. Öffnete man diese weit, konnte sich die Wärme im Raum verteilen. Blieben sie geschlossen, reichte die Hitze aus, um das Wasser im großen Kessel zum Kochen zu bringen.


Meta de Buhr ließ später in beiden Stuben unter den Fenstern Heizkörper einbauen. Deren Wasser wurde von einem weißen Kachelofen in der neuen Stube erwärmt.

In dieser neuen Stube stand auch der moderne Elektroherd, den sie sich vergleichsweise früh anschaffte.

Noch heute halte ich ihr Kochbuch „Das elektrische Kochen auf dem Elektroherd“, das damals unter dem Namen „Das grüne Kochbuch“ bekannt war, in Ehren.


Mit dem Ersten Weltkrieg begann ein zweites, wie ich meine, unglückliches Kapitel im Leben meiner Großmutter.

Ihr Mann Wilhelm de Buhr erlitt bereits 1915 als Soldat an der Ostfront eine schwere Kopfverletzung, von der er sich sein Leben lang nicht mehr erholte.

In den Akten des Militärlazaretts wurde als Vermutung ein „Kopfdurchschuss“ vermerkt.

Mit zunehmendem Alter verschlimmerten sich die Folgen dieser Verletzung. Zunächst waren es vor allem die ständigen starken Kopfschmerzen. Später kamen eine Art epileptischer Anfälle und plötzlich auftretende Bewusstlosigkeiten hinzu.

Wilhelm und Meta de Buhr bemühten sich ihr ganzes Leben lang darum, diese schwere Kriegsverletzung als Ursache seiner Beschwerden anerkennen zu lassen, damit ihm eine entsprechende Rente zustand.

Mehrere Gutachter vertraten jedoch die Auffassung, dass ein Mensch einen solchen Kopfdurchschuss gar nicht hätte überleben können.

Zu Lebzeiten wurde ihm deshalb lediglich eine geringe Erwerbsminderung anerkannt, was zu einer entsprechend niedrigen Rente führte.

Wilhelm de Buhr verfügte daher, dass nach seinem Tod eine Untersuchung seines Kopfes vorgenommen werden solle. Er wollte nicht als Lügner gelten.

Nachdem er 1955 infolge eines schweren, durch eine Kuh verursachten Unfalls verstorben war, veranlasste meine Großmutter tatsächlich die von ihm gewünschte Obduktion.

Das Ergebnis bestätigte, dass mein Großvater mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits 1915 einen Kopfdurchschuss erlitten hatte.

Damit hätte ihm rückblickend eine Erwerbsminderung von einhundert Prozent und eine entsprechend höhere Rente zugestanden.


Als Großmutter schrieb mir Meta de Buhr in mein Poesiealbum:

„Bängliches Zagen, ängstliches Klagen,wendet kein Elend, macht dich nicht frei.Allen Gewalten zum Trotz sich erhalten,nimmer sich beugen, kräftig sich zeigen,rufet die Arme der Götter herbei.“

Darunter schrieb sie:

„Zum Andenken an unseren großen Goethe.Deine Oma.“

Außerdem fügte sie noch den Satz hinzu:

„Willst du dich deines Lebens freuen,so musst der Welt du Wert verleihen.“

Das Gedicht „Beherzigung“ von Goethe, dessen erste beiden Zeilen sie weggelassen hatte, dürfte wohl auch das Motto gewesen sein, unter das sie ihr eigenes Leben immer wieder stellte.


Wenn ich nun versuche, ein Bild meiner Großmutter Meta de Buhr zu zeichnen, möchte ich darauf hinweisen, dass dieses Bild aus der Zeit meiner Kindheit und frühen Jugend stammt.

Sie starb, als ich zwanzig Jahre alt war.

Ostrhauderfehn verließ ich bereits mit knapp sechzehn Jahren, um in Oldenburg zur Schule zu gehen. Deshalb hatte ich in den letzten vier Jahren ihres Lebens nur noch wenig Kontakt zu ihr.

Aus dieser Zeit besitze ich lediglich eine Geburtstagskarte vom 14. Mai 1961, in der sie mir für mein bevorstehendes Lehramtsstudium an der Universität Gießen viel Erfolg wünscht.

Meine Erinnerungen an Meta de Buhr sind daher vor allem von den Eindrücken geprägt, die ich als Kind selbst gewann oder später über sie hörte.


In der Bewirtschaftung des Bauernhofes und bei der Erziehung ihrer Kinder war Meta de Buhr weitgehend auf sich allein gestellt.

Ihr Mann kam, wie bereits geschildert, krank aus dem Ersten Weltkrieg zurück und konnte sie deshalb nur eingeschränkt unterstützen. Hilfe von ihren Schwiegereltern erhielt sie vermutlich ebenfalls nur wenig. Janna Catharina de Buhr starb bereits 1922, Wilhelm Christoph de Buhr 1939.


Trotzdem meisterte Meta ihr Leben und war in Ostrhauderfehn und Umgebung als

„Meta van Bült“ bekannt.

Sie arbeitete unermüdlich, hatte viele Interessen und stand Neuem und Modernem stets aufgeschlossen gegenüber. Allerdings verlangte sie auch von ihren Mitmenschen viel.

Wer bei schönem Wetter am Sonntag spazieren ging, so ihre Auffassung, „stahl dem lieben Gott die Zeit“.


Mit der Kirche verband sie wenig, mit Politik dagegen umso mehr. Sie stand der Deutschnationalen Volkspartei nahe.

Meine Mutter erzählte mir, dass sie sonntagvormittags häufig ihre Mutter, also meine andere Großmutter Johanna Alieda Sinning, besuchte, um mit ihr über Politik zu diskutieren.

Großmutter Sinning gehörte in Ostrhauderfehn von Anfang an der Nationalsozialistischen Partei an, und so kam es zwischen beiden Frauen gelegentlich zu kontroversen Gesprächen.


Meine Großmutter kochte gern, hervorragend und sehr abwechslungsreich.

Es gab Schweine- und Kalbfleisch mit viel Gemüse, schmackhafte Eintöpfe, Geflügel- und Fischgerichte. Noch heute benutze ich ihre kleine rote Pfeffermühle, mit der sie frische Pfefferkörner mahlte – etwas, das ich aus unserem eigenen Haushalt nicht kannte.

Besonders gut schmeckten mir ihre Pilzgerichte. Sie sammelte die Pilze im Herbst selbst und kannte sich mit ihnen ausgezeichnet aus.

Wenn wir Enkel zum Essen eingeladen waren, achtete sie streng darauf, dass wir in aufrechter Haltung am Tisch saßen und Messer und Gabel korrekt benutzten.


In der alten Stube hatten sich ursprünglich zwei große Doppelbettbutzen befunden.

Eine dieser Butzen ließ meine Großmutter zu einem kleinen, weiß gefliesten Badezimmer mit Badewanne und Waschbecken umbauen.

Allerdings kann ich mich nicht erinnern, dass dort jemals fließendes Wasser vorhanden gewesen wäre.

Die Regenwasserzisterne befand sich auf der anderen Seite des Hauses unterhalb der Milchkammer, von der aus man in den Kuhstall gelangte.

Leitungswasser gab es in Ostrhauderfehn erst seit den 1950er Jahren.


Vom Flur führte eine Treppe in das Obergeschoss.

Dort befanden sich vier kleine Räume, die vermutlich als Schlafräume für die Kinder dienten.

Ich erinnere mich noch daran, dass wir Kinder die vorderen Zimmer nicht betreten durften. Der Giebel und Teile des Daches waren im Zweiten Weltkrieg beschädigt worden und lange Zeit nur notdürftig repariert.


In der Milchkammer, dem sogenannten Karnsteh, wurde die von Hand gemolkene Milch durch große Filtersiebe in die Milchkannen gefüllt.

Meine Großeltern betrieben mit etwa zwanzig Kühen Milchwirtschaft.

In dem Karnsteh stand auch das große Butterfass, mit dem gebuttert wurde.

Gegen Ende des Krieges und in den Jahren danach war Butter ein wichtiges Tausch- und Zahlungsmittel.

Zusätzlich wurden Jungrinder für den Verkauf aufgezogen.


Von meiner Großmutter bekam ich einmal einen wunderschönen Puppenwagen geschenkt, den sie mit Butter bezahlt hatte.

Ich besitze ihn noch heute. Schon als Kind musste ich dabei immer an ein Mädchen aus der Stadt denken, dessen Familie so große Not litt, dass sie ihren Puppenwagen hatte weggeben müssen, um Lebensmittel zu erhalten.

Außerdem schenkte mir meine Großmutter einmal einen kleinen aufziehbaren VW Käfer.

Dass sie mir als Mädchen ausgerechnet ein Auto zum Spielen schenkte, beeindruckte mich und meine Freundinnen sehr.


Auf dem Hof gab es neben den Kühen ein Pferd, einen Schäferhund namens Greif, eine große Hühnerschar, zahlreiche Katzen und natürlich mehrere Schweine.

Wenn meine Großmutter mit dem Fahrrad unterwegs war, trug sie lange Zeit einen dunklen Wollmantel und einen roten Filzhut.

Sie hatte es immer eilig.

Kam sie von ihren Besorgungen zurück, ging sie oft unmittelbar in den Stall. Den Hut legte sie dabei irgendwo ab – einmal sogar auf einen Pfosten am Schweinestall.

Dort fanden ihn die Schweine, spielten damit und zerfetzten ihn vollständig.

Und dann gab es da noch den Bullen.

Für uns Kinder war er ein riesiges und furchteinflößendes Tier.

Künstliche Besamung gab es damals noch nicht. Die Bült war als Deckstation für die Kühe der landwirtschaftlichen Nebenerwerbsstellen in der Umgebung zugelassen.

Für meine Großmutter war der Umgang mit dem Bullen nicht ungefährlich.

Sie geriet immer wieder in schwierige Situationen.

Ich kann mich an mehrere Gelegenheiten erinnern, bei denen plötzlich gerufen wurde:

„Der Bulle ist los!“

Meine Cousine Wilma und ich verkrochen uns dann vorsichtshalber unter dem Tisch in der Stube.

 

1938 gab es in Ostrhauderfehn lediglich vier Autos.

Eines davon gehörte Meta de Buhr.

Sie ließ neben dem alten Bauernhaus eine schöne Garage errichten.

Leider wurde das Fahrzeug bereits zu Beginn des Zweiten Weltkriegs für militärische Zwecke beschlagnahmt.

 

Der Versuch, beim Fußball-Toto ihr Glück zu finden, führte dazu, dass sie am Wochenende die Sportsendungen im Radio aufmerksam verfolgte und sich erstaunlich gut mit den großen Fußballvereinen auskannte.

Gewonnen hat sie durchaus gelegentlich – allerdings immer nur kleinere Beträge.

 

All dies hinderte sie nicht daran, sich auch noch mit Handarbeiten zu beschäftigen.

Ich erinnere mich an eine riesige Tischdecke, die sie in unzähligen Nachtstunden mit Kreuzstichen bestickte.


Besonders wichtig waren Meta de Buhr jedoch immer die Erziehung und Ausbildung ihrer drei Kinder.

Ihre Tochter Johanna schickte sie auf das Gymnasium nach Leer. Die beiden Söhne besuchten die Mittelschule in Westrhauderfehn.

Wenn die Kinder aus der Schule nach Hause kamen, fanden sie häufig einen Zettel auf dem Küchentisch vor. Darauf standen die Arbeiten, die sie am Nachmittag auf dem Hof zu erledigen hatten.

Waren die Kinder am Abend zu müde, um ihre Hausaufgaben noch zu machen, erledigte meine Großmutter diese nicht selten selbst – nachts, nachdem ihre übrige Arbeit getan war.

Für sich und ihre Tochter kaufte sie ein Klavier und erteilte Johanna Unterricht. Ich nehme an, dass sie ihrer Tochter damit den Weg zu dem Beruf ermöglichen wollte, den sie selbst einst hatte ergreifen wollen: den Lehrerberuf.


Doch die Zeitumstände standen diesem Wunsch entgegen.

Johanna machte zwar das Abitur und wurde später Leiterin des Arbeitsdienstes in Meppen, doch nach dem Krieg dürfte sie als ehemalige Arbeitsdienstführerin aus politischen Gründen kaum noch die Möglichkeit gehabt haben, die Ausbildung zur Lehrerin nachzuholen.

Im Rahmen ihrer Tätigkeit hielt sie sich mehrfach in Berlin auf. Dort lernte sie ihren späteren Mann Kurt Blume, einen Prokuristen aus Halle, kennen.


1946 wurde ihre Tochter Wilma Blume geboren.

Anfang der 1950er Jahre zog die junge Familie nach Minden in Westfalen.

Dies gefiel Meta de Buhr verständlicherweise nicht besonders.

Sie hätte ihre Tochter gern in der Nähe behalten und sich wohl auch einen Schwiegersohn gewünscht, der später den Hof hätte übernehmen können.

Doch dafür kamen ihre beiden Söhne ebenfalls nicht infrage.

Sie waren inzwischen beide zur See gefahren.

Mein Vater, Johann Volkmar de Buhr, trat in die Marine ein und fuhr später als U-Boot-Kommandant Einsätze im Nordmeer. Von einem dieser Einsätze kehrte er nicht zurück.

Sein Bruder Wilhelm de Buhr arbeitete nach dem Krieg als Lotse in Emden.


Meta de Buhr war eine ausgesprochen geschäftstüchtige Frau.

Im Laufe der Jahre gelang es ihr, den Familienbesitz erheblich zu erweitern.

Neben dem Hof Bült gehörte der Familie de Buhr auch die Landstelle Dubbenmeer in Holterfehn, auf der ein vermietetes Haus stand.

Außerdem besaß sie einen großen Bauplatz neben dem Verlaatshaus in Westrhauderfehn sowie weiteren Grundbesitz in Emden.

Daneben liefen ständig mehrere Bausparverträge.

Mit deren Hilfe konnte sie unter anderem ihre Tochter unterstützen, die in Minden ein eigenes Haus errichtete.

In Emden erwarb sie selbst ein Mehrfamilienhaus, das von ihrem Sohn Wilhelm verwaltet wurde.

Diese Geschäfte wickelte sie über die Volksbank Westrhauderfehn ab.


Meine Oma hätte es gern gesehen, wenn auch ich nach der Mittleren Reife dort eine Ausbildung begonnen hätte.

Tatsächlich hatte sie mir bereits eine Lehrstelle bei der Volksbank verschafft.

Zu ihrem Leidwesen nahm ich diese Möglichkeit jedoch nicht an.

Ich wollte lieber weiter zur Schule gehen und die Fachhochschulreife erwerben.

Heute kann ich mir vorstellen, dass meine Großmutter sich letztlich doch darüber gefreut hätte, dass ihre beiden Enkelinnen den Weg einschlugen, den sie selbst einst hatte gehen wollen:

Beide wurden Lehrerinnen.





 
 
 
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