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Erinnerungen einer Fehntjerin

Uns Tant' Pestor (Christa Sanders Neemann)

  • hillehoek
  • 12. Juli 2025
  • 8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 4. Apr.


0, man kann ,t ja bold nich faoten: sovöl Minschen up dä Straoten; Lötjen gifft dat un ok Grooten,

all, de völ un minn ok prooten,

wat sünd mack un wat sünd lelk, man Tant' Pestor, dat is nich elk!


Minschen gifft dat, groot un stolt, breeken of van Dickdoen bold,

spitze Tung un könnt kien platt,

hör Dünkel, de verbütt hör dat.

"Grooten,, gifft dat mack un jelk,

man Tant, pestor, dat is nich elk.


Herr Pastor - dat gifft sovöl -

in elker Dörp un KarkenspöI.

Domnee kann ja elk studäern,

mußt dat bloot maol utprobeern,

Pestor,n gifft dat, mack un lelk,

man Tant' pestor, dat is nich elk_!


Dokters mut dat ok ja geeven,

will wi g'sund und rüstig lewen.

Hest' Kopseer of ok anner Pien

verschrift hä di dann Aspirin.

Dokters gifft dat, mack uq lelk,

man Tant Pestor, dat is nich elk.


Politik un Wissenschaft

löppt in Sprang un löppt in Draft,

löwen, se sünd äen Gespann,

vergeten, dat ,t ok knallen kann!

Politik, of mack of lelk, man

Tant Pestor, dat is nich elk


Studeern, och, wat is dat dann,

nich mehr as arbeidn mit dien Han!

Dat wat büst, bildst di bloot in,

laot de Dünkel ut dien Sinn.

Studeerten gifft dat mack un lelk,

man Tant Pestor, dat is nich elk.


Tant Pestor kann elk nich word'n,

bruukst mehr dortoe as Tiet un Jaohren,

mußt unheimlich völ wall dorför doen,

Nacht un Dag up posten stoahn.

Bruukst völ Läewde, Moet un Kraft,

uns Tant, Pestor - de het dat schafft.



Im Folgenden ein Brief, den Christa Sanders-Neemann im Dezember 1979 an "ihre Tant`Pastor" schrieb. Sie schildert darin in Bildern ihre über vierzigjährige Beziehung zur Frau des Steenfelder Pastors, Ella Straakholder.

Dez. 79


Liebe Tant‘ Pastor!


Warum wissen Sie eigentlich nicht, wie oft ich an Sie denke und wie sehr ich hoffe, daß sie bald wieder ganz gesund sind. Von Else – ich habe sie deswegen angerufen – erfuhr ich, daß Sie operiert wurden und daß Sie wieder laufen. Mehr weiß Else ja auch nicht, aber ich nehme an, daß Sie mittlerweile am Arm Ihres Mannes wieder fröhlich durch die weißgetünchten, mit Blumen geschmückten und Makramee-behangenen Fluren dieses Krankenhauses marschieren. Das Wort Kreyenbrück bringt mich in der Erinnerung 26 Jahre zurück. Damals waren Sie in diesem Stadtteil von Oldenburg, um anderen, uns zu helfen. Man vergißt das nie, und wir haben diese Geschichte unserem neuen Pastoren schon so oft erzählt, daß er sie be stimmt nicht mehr hören mag. Sowieso! Als Sie die Gemeindearbeit aufgaben, haben Sie damit einen Schlüssel umgedreht und ein ganzes Stück Kirchengeschichte abgeschlossen. Aber uns, die wir die ganzen 42 Jahre miterleben durften, bleibt ein ganzes Buch von Erinnerungen, reich illustriert. Ich lasse oft in Gedanken alle Bilder an mir vorbeiziehen. Jedes Bild sehe ich so deutlich wie im Film. Nichts in meinem Leben ist in mir so haften geblieben, wie diese Geschichten. Da war zuerst der Kindergottesdienst mit den Weihnachtsfeiern. Wir waren Engel mit Bettlaken, eine Kerze in der Hand, und Hilde Jelting stand in einer Bank und durfte ganz allein singen: „Vom Himmel hoch, o Englein, kommt ...“ Ach, habe ich sie beneidet. Dann der Konfirmandenunterricht. Wir mußten viel lernen. Ich bin dank bar dafür! Aber nicht immer konnte ich meine Lexion; aber dann hat Ihr Mann mich nicht drangenommen. Das war fair! Der Katechismus hat mich nie interessiert, auch jetzt noch nicht. Wir kamen noch mit Schürzen in den Unterricht, und die bösen Buben banden uns mit den Bändern an den Bänken fest. Dann die Konfirmation. Ich sehe das Bild der Konfirmation vor mir, als wenn sie gestern gewesen wäre. „Halte, was du hast, damit niemand deine Krone nehme.“ Und bei dem Lied „Mein Schö 49 pfer steh mir bei ...“ würgten wohl mehr die Tränen herunter. Das erste Abendmahl! Wir Konfirmanden gingen noch um den Altar, und Netty Ley hat gelacht. Das war zu der Zeit eine schwere Sünde! Danach der Jungmädchenkreis, als ich immer früher nach Hause durfte. Ach, bin ich dann manchmal gerannt. Das war wirklich ein Rennen zu Zweit, kein Spaziergang. Ich war eigentlich ein schlechtes Mädchen und ließ mich schon in der Zeit des Konfirmandenunterrichts nach Hause bringen, aber nur, wenn ‘s Dunkel war, im Winter, von Lüpke Schipper. Bei den Weihnachtsfeiern war immer Maria Jakobs die Maria. Ihr gönnten wir diese Rolle, weil sie so bescheiden war und nicht damit „motzte“. Siny Brunzema (sie war auch dabei) u. ich durf ten einmal bei der Feier von dem Frauenkreis singen. „Im Him mel, im Himmel ist Freude ...“ Siny drei Verse und ich auch drei. Sie konnten sehr gut vorlesen, aber ich weiß nicht mehr sehr viel von dem, was wir sonst machten. Zum Schluß sangen Sie mit uns „Wie könnt‘ ich eifrig schlafen in dunkler Nacht“ oder auch „Nun wollen wir singen das Abendlied.“ Ich kann die Verse noch alle und singe sie manchmal abends, wenn ich nie manden störe. Waren wir eigentlich unartig? Bitte, nein! Manchmal ging es Ihnen wohl nicht so gut, das war dann, wenn Ihr Äußeres sich veränderte. Es gab zu der Zeit noch keine Umstandsmoden. Wir redeten auch nicht darüber; aber jede ahnte wohl: Bei Pastors kommt wieder was. Dieser Zustand stand Ihnen gut und darum wiederholte es sich in den Jahren wohl auch öfter. Für mich endete die Jungmädchenzeit mit dem 22. Oktober 48, mit der Kutschfahrt zur Kirche, als in Steenfelde die Leute an der Straße standen und als Ihr Mann uns vor dem Altar das Wort mit auf den Weg gab: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird ‘s wohlmachen.“ Wir hatten es uns gewünscht und ich hab ‘s mir später oft vorgelegt. Es war eine so große Überraschung, als plötzlich vom Orgelboden der Jung mädchenkreis mein Lieblingslied sang: „Auf Adler’s Flügeln getragen“ – und „O selig Haus, wo man dich aufgenommen.“ Ich hatte doch vorher gar keinen Jungmädchenkreis bemerkt. – 50 Nun war ich verheiratet und gehörte nicht mehr zu diesem Kreis. Das vermißte ich anfangs sehr, aber zu den Weihnachts feiern haben Sie mich zuerst immer noch eingeladen. Das war eine große Freude. Aber die Verbindung zum Pfarrhaus wurde für mich dann ir gendwie weniger. „Man dee ‘t nich“ und hatte zum Besuch wohl auch kaum Zeit. Man sah Sie sonntags, Ihren Mann auf der Kanzel und Sie in der Pastorenbank, dem unschönsten Platz, den es in unserer lieben Kirche gab. Bei den Altreformier ten wäre dies bestimmt die Schlingelbank gewesen. Sie nahmen schon ihre ältesten Kinder mit in den Hauptgottesdienst. Ob die so schön brav waren während der ganzen Predigt, weil sie wie auf dem Präsentierteller vor den Augen der strengen Gemeinde saßen? Ich sehe Ursula ganz deutlich in einer schnee weißen Wintermütze, und ich habe mir immer gedacht, die habe ihr wohl ihre Oma geschenkt. Damals strickten Omas so warme Sachen. Was haben Sie wohl empfunden, als Sie als junge Pastorenfrau unter den Fittichen Ihres Mannes unter der Kanzel vor den behüteten Köpfen der Frauen und den kahlen Häuptern der Männer saßen?! Ihr Blick ging immer geradeaus über die Köpfe hinweg zu einem gewißen Punkt, den ich nie ent decken konnte. Aber mir war, als wenn sie unauffällig im Blick winkel die Zahl der Kirchgänger zu zählen hatten. Es muß für Sie doch eine Erholung gewesen sein, wenn ein Gesang ange fügt wurde oder wenn Sie den Kopf zum Gebet neigen durften. Aber die Haltung in der Kirche haben sie beibehalten, auch als die Pastorenbank nicht mehr war und Sie auf der linken Seite saßen. Ich konnte das nie, ich muß den Prediger sehn, wenn ich nicht abschalten wollte. Einen Zugang zum Pfarrhaus hatte ich kaum noch. Mein Vater starb, bevor er uns überhaupt einmal besuchen konnte. Er, der allezeit Gütige, der mir nie in meinem Leben ein böses Wort gesagt hatte. Der Schlag war schwer, sehr schwer. Aber ich hatte ja meine Mutter noch, bei der ich aber wenig Trost fand, weil sie ja selber schwer zu tragen hatte und unter der Einsam- 51 keit litt. Drei Wochen nach Vaters Tod wurde Wübbe geboren. Ihr Mann gab ihm den Taufspruch: „Seht, welch eine Liebe ...“ Dann folgten die anderen. Als wir Hanny hatten, bekamen Sie Udo. Er war ein so hübscher Junge. Wissen Sie noch, daß ich Ihnen erzählte, Hanny sähe aus wie ein häßliches Entlein? Am 17. Dez. 1951 verunglückte meine Mutter, und für mich brach eine Welt zusammen. Sie hat nie geahnt, daß ich schon wieder in „guter Hoffnung“ war. Sie haben versucht, mich zu trösten; aber ich sah kein Durchkommen. Von Ihnen bekam ich ein Heftchen u. Ihr Mann schrieb eigenhändig darauf: „Aus tausend Kleinigkeiten gehn wir zur Krippe still, das Kind der Ewigkeiten uns alle trösten will.“ [Bodelschwingh] Im Juni wurde dann Folkea geboren. ich wurde einen Weg ge führt, den ich kaum wahrnahm. Ich fühlte eine Leere in mir, eine Schwäche und wiederum eine große Kraft. Bei der nächsten Schwangerschaft ging es mir nicht gut. 14 Monate nach Folkea: Zwillinge. Aber das wissen Sie alles, wie eigentlich alle geschil derten Bilder in diesem meinem Brief. Sie wurden ja unsere Tant‘ Pastor! Für mich sind Sie viel, viel mehr! Als ich kaum noch jemanden hatte, wurden Sie mir Mutter - . Als unsere Zwillinge geboren wurden, war das der glücklichste Tag in meinem Leben! und der stolzeste auch. Zwillinge! Ich! 5 Kinder in 4 ½ Jahren. Dann kam der traurigste Tag in meinem Leben, das Schwerste, was einer Mutter begegnen kann. Sie mußten ’s ja selber bei sich erleben. Sie haben über ihren Kummer nicht gesprochen und – uns beigestanden! Das konnten auch nur Sie! „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen“, sagte Ihr Mann vormittags bei der Nottaufe und nachmittags – starb das kleine Mädchen in Ihren Armen. Sie saßen auf meiner Bettkante und waren so tapfer. Das hätte ich nicht gekommt! ich war wie eine Irre und habe mich gegen dieses Schicksal so gewehrt. – Stellen Sie sich vor, wenn wir in der Zeit unsere Pastors nicht gehabt hätten !! Und abends trugen Sie praktisch unseren Heiner nach Olden burg – noch gerade früh genug. Und da sind wir nun wieder in Kreyenbrück, wo ich mit meinen Gedanken in diesem Brief angefangen bin. Ich brauche Ihnen 52 meine Bilder nicht weiter vorzustellen. Sie kennen sie alle und könnten darüber weiterschreiben. Ich hatte wieder mehr Zugang zum Pfarrhaus. Denken Sie an Diedrich mit der Gebrauchsan weisung: „Man nehme mich, wenn man mich hat - - „ Wie gern ging ich immer den Weg zu Ihnen. ich habe nicht oft gespürt, daß Sie keine Zeit für mich hatten. Sogar, wenn Sie im Garten waren – Sie haben mich nie fortgeschickt, und wie glücklich machte es mich, wenn Sie sagten: „Komm doch mal wieder!“ Unser liebes Pfarrhaus. Ich kannte fast jeden Winkel. ich denke an den schönen großen Tannenbaum, der nach Weihnachten noch immer in dem Zimmer vorne in der Ecke stand – und sogar an den Wäscheschrank, den Sie mir zeigten, als ich Sie fragte, was man mitnimmt zur Kur. Bei Ihnen war immer überall Ordnung. Denken Sie an den Kel ler mit seinen Vorräten. Zwar wohnen Sie jetzt bequemer in der Siedlung, aber unser Pfarrhaus war eben unser Pfarrhaus – mit schönem Garten, gemütlichen Zimmern und – einem unprakti schen Abwasch in der Küche. Im neuen Pastorenhaus herrscht nun wieder Leben. Wir sind glücklich darüber, einen neuen Pastoren zu haben, und ich glau be, der Kirchenrat hat gut gewählt. Beim Einzug hat Liny im Fiefschaften dem jungen Paar auf einem großen Zinnteller eine Tasse Tee zur Kutsche gebracht mit einem Spruch, der mahnte: „Zum Pfarramt ist ‘s nun nicht mehr weit, dort hab’n Sie vier Jahrzehnte Zeit!!“ Mein Brief soll kein Roman werden, nur ein kleiner Dank für das, was Sie mir immer gewesen sind: Freundin, Mutter und eben meine Tant‘ Pastor. Und das sage ich Ihnen gleich: Ich werde Ihnen weiterhin zur Last fallen. Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Adventszeit, auch im Krankenhaus und eine baldige, gesunde Heimkehr nach Steenfelde; denn: Wir brauchen Sie

Immer Ihre Christa


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